6. Station: Japanischer Schnurbaum
Morinckweg 1-3, 2-4
Mats und Mara schließen Freundschaft mit einem Stadtkind.
Peng! Mara erschrickt, kneift die Augen zusammen und hält sich mit
den Händen die Ohren zu. Durch die Finger dringt ein Kinderlachen zu
ihr. Als sie vorsichtig das linke Auge öffnet, macht sie es gleich
wieder zu, denn sie hat in eine Reihe blinkender Kinderzähne
geblickt. Dann hört sie ein quietschendes Geräusch und wieder macht
es „Peng!“
Ein wenig Speichel läuft aus dem Kindermund, der sich da unmittelbar
vor ihr befindet und auch nicht weggeht. Eine Hand schiebt sich ihr
entgegen.
„Komm mal zu mir.“
Was zum ... meint dieses Kind mich??!! Mara versucht, sich
langsam mit den Füßen nach hinten zu drücken, doch das Kind
versperrt ihr mit seiner zweiten Hand den Weg. Mats ist aufmerksam
geworden. Er versteckt sich hinter einem Zweig. Das Kind hat ihn
noch nicht entdeckt.
„Jetzt komm schon. Ich tu Dir ja nichts.“ In einer Mischung aus
Angst und Faszination sieht Mara zu, wie aus dem Kindermund, genau
durch eine große Zahnlücke hindurch ein rosafarbener Ballon
entsteht. Der wird größer und größer, bis er fast das ganze Gesicht
des Kindes überdeckt. Und dann - „Peng!“ Schon wieder! - platzt
er.
Lachend zieht sich das Kind klebrige Fäden aus dem Gesicht. Noch
einmal streckt es Mara die Hand hin. Dann zuckt es mit den
Schultern, als es sieht, dass Mara nicht auf ihre Hand klettern mag,
und läuft davon.
Puh! Das ist ja nochmal gut gegangen.
„Was war denn das?“ Mats kriecht aus seinem Versteck hervor.
„Lass uns schnell verschwinden, bevor es wiederkommt“, meint Mara
und beginnt, den nächstbesten Baum hinaufzuklettern. Höher und
höher. Bloß weg von hier! Bloß weg!
„Mara!“ Mara hört nicht. „Maaara! Jetzt bleib doch mal stehen.“ Mara
guckt sich um und sieht, dass sie schon fast die Spitze des Baumes
erreicht hat. Sehr groß ist er nicht. Aber es wird reichen. Erstmal
müssten sie hier gefunden werden. Wenn sie schon gesehen werden
können, ist es zu riskant, diesen Platz zu verlassen.
Der Baum, auf dem sie sitzt, heißt „Schnurbaum“.
„Ich bin leider noch sehr klein. Wenn ich groß bin, bilden meine
Äste und Blätter ein Zeltdach. Da hättet Ihr Euch gut verstecken
können. Aber das dauert noch.“
„Warum heißt Du denn 'Schnurbaum'?“ fragt Mara.
„Meine Früchte verstecken sich in langen Schoten, die ein bisschen
wie Perlenketten aussehen, ganz so, als hätte jemand die Schote
hinter jedem Samen mit einem Bindfaden abgeschnürt. Daher der
Name.“
„Cool. Die würde ich gern mal sehen.“
„Oh, da musst Du im Herbst wiederkommen. Ich blühe im Sommer, nicht
wie die meisten Bäume im Frühjahr. Imker freuen sich, weil die
Bienen so auch später im Jahr noch etwas zu fressen finden. Ich bin
insgesamt etwas später dran. Meine Blätter wachsen erst, wenn die
meisten Laubbäume schon längst grün sind, im April nämlich. Dafür
werden sie riesig groß. Die könntet Ihr als Bettdecken
verwenden.“
Der Schnurbaum lacht.
„Hier stehen ganz schön viele Deiner Art.“ Mats guckt sich um.
„Ja. Wir sind neuerdings sehr beliebt. Besonders unter
Stadtgärtnern. Wir gelten als 'Klimawandelbäume.“
„Klimawandel??“ Was mag das wohl wieder sein?
„Habt Ihr davon noch nichts gehört?“
Mats und Mara schütteln die Köpfe. Nein.
„Kaliiiimerrr“ Mats rollt das Wort auf seiner Zunge.
„Sei nicht albern. KlimA, nicht KlimER.“ Mats streckt Mara die
Zunge raus.
„Man kann auch Erderwärmung dazu sagen. Das ist vielleicht ein
einfacheres Wort“, mischt sich beruhigend der Schnurbaum ein.
„Es bedeutet, dass es auf der Erde wärmer wird, so warm, dass
das Eis auf den hohen Bergen und am Nordpol, wo die Eisbären leben,
und am Südpol, wo die Pinguine leben, schmilzt. Das gibt dann ganz
schön viel Wasser. Das könnt Ihr Euch sicher gut vorstellen. Und all
dieses Wasser fließt dann ins Meer wie in einen Eimer, der schon
voll ist. Ja – und der Eimer schwappt dann natürlich über und
manches Land der Erde wird überschwemmt werden.“
„Ui!“ Die
Wichte machen große Augen.
„Aber“, fragt Mats, „wieso wird es denn wärmer?“
„Ihr könnt Euch die Erde wie ein Haus mit einem Glasdach vorstellen.
Das Licht und die Strahlen der Sonne dringen durch das Glas in das
Haus ein und machen es schön warm. Wenn es im Sommer sehr heiß ist,
dann wird es auch drinnen sehr heiß.“
„Wir haben noch nie in einem Haus gewohnt“, bemerkt Mara zaghaft.
Der Schnurbaum lacht:
„Nein, natürlich nicht. Ihr seid ja keine Menschen. Vielleicht könnt
ihr es Euch trotzdem vorstellen. Wenn die Sonne scheint, wird es
warm und alles wird warm, was sie bescheint. Im Schatten und in der
Nacht ist es kühl. Genauso ist es auch bei dem Haus mit Glasdach.
Sobald die Sonne weg ist, wird es wieder kühl.“
„Aber dann -“, Mats kratzt sich verständnislos am Kopf.
„Schon richtig gedacht, Mats. Genauso soll es sein. Dumm wird es
erst, wenn die Hitze nicht mehr herauskann aus dem Haus.“
„Oh!“ Die Wichte machen große Augen.
„Ja“, der Schnurbaum rauscht. „Es kommt sogar noch dümmer. Stellt
Euch vor, jemand wohnte in dem Haus mit Glasdach und malte das Glas
von innen mit einer Farbe an, die die Wärme zwar hinein-, nicht aber
wieder herausließe. Wäre das nicht verrückt?“
„Das wäre doch total bescheuert“, Mara schüttelt energisch ihren
Kopf.
„Ja, aber leider haben die Menschen genau das gemacht.
Die Erde ist ja kein Haus und hat auch kein Glasdach. Aber man kann
sich vorstellen, dass die Luft, die die Erde umhüllt, eine Art Dach
ist. Durchsichtig wie aus Glas. Und die Luft besteht aus ganz
verschiedenen Stoffen – man nennt sie 'Gase'.“
„Und einer dieser Stoffe wirkt so ähnlich wie die durchsichtige
Farbe, die ich Euch beschrieben habe. Er lässt die Wärme nicht
wieder von der Erde weg. Und deshalb wird es immer heißer.“
„Und die Eisbären und Pinguine haben kein Zuhause mehr.“
„Zumindest keines aus Eis und Schnee.“
„Können die denn woanders leben?“
„Vielleicht“, meint der Schnurbaum langsam, „vielleicht. Das weiß
ich nicht so genau.“
„Müsste man dann nicht etwas tun?“
„Ja“, sagt der Schnurbaum, „Bäume pflanzen, ist zum Beispiel eine
ganz großartige Idee. Ich helfe mit, dass die Erde bewohnbar
bleibt.“
„Und das Eis nicht schmilzt?“
„Nein, das Eis kann ich nicht kühlen. Aber ich kann verhindern, dass
noch mehr von dem schädlichen Gas -“
„Der komischen durchsichtigen Farbe -“
„Ja, genau, der.“
„- in die Luft kommt und die Wärme daran hindert, ins Weltall zu
verschwinden.“
„Wie durch ein Fenster?“
„Ja, genau, wie durch ein Fenster?“
„Ganz schön schwierig, das alles“, stöhnt Mats.
„Ja, ich weiß, sagt der Schnurbaum. Deshalb schenke ich Euch auch
einen Buchstaben, der wie ein gemütlicher Sessel zum Ausruhen
aussieht. Oder wie eine Hängematte wenn man ihn dreht.“
„Ein 'D' ...“ Sorgfältig malt Mara ein 'D' auf ein Schnurbaumblatt.
„Was malst Du da?“
Oh je, da haben sie nicht aufgepasst. Das Kind mit dem Knallballon
steht wieder hinter ihnen. Diesmal drängelt es sich nicht so dicht
an die Wichte heran.
„Ihr müsst keine Angst haben“, sagt es, „ich bin Mariele. Mögt Ihr
Kaugummi?“
Umständlich kramt Mariele in ihrer Hosentasche und zieht ein etwas
zerdrücktes Silberpapierpäckchen hervor.
„Da.“ Mariele hält den Wichten das Päckchen hin. Mats wischt sich
den Rotz von der Nase und nimmt das Päckchen. Es ist weich. Man kann
es leicht kneten.
„Das wird so gemacht.“ Mariele nimmt Mats das Päckchen wieder weg
und faltet das Papier auf. Darin befindet sich ein rechteckiger
weißer Streifen.
„Das ist das Kaugummi. Man steckt es in den Mund und kaut.“
Mats zupft ein kleines Stückchen von dem merkwürdigen Zeug ab und
steckt es in den Mund.
„Hmmm“, seine Augen leuchten, „das schmeckt gut.“
„Echt?“ fragt Mara.
„Echt!“ sagen Mats und Mariele gemeinsam und müssen lachen.
Mariele bläst eine Kaugummiblase durch die Zähne.
„Das will ich auch können!“ Mats ist ganz aufgeregt. „Los, zeig' es
mir. Los, los, los, los, lohos!!!“
„He“, besänftigt ihn Mariele, „nicht ganz so stürmisch. Also, Du
schiebst das Gummi gegen Deine Zähne und machst es mit der Zunge
ganz dünn. Dann bläst Du vorsichtig gegen die dünne Haut.“
„Grsoaf09u“ sagt Mats. Mariele kichert.
„Ist das auch nicht gefährlich?“ fragt Mara.
„I wo.“ PENG. Irgendwie hat Mats es geschafft, eine Blase zu pusten.
Jetzt ist sie geplatzt und Mats' Gesicht durchziehen klebrige weiße
Kaugummifäden. Er grinst zufrieden.
„Lass mich auch.“ Mara zwickt ein Stück vom Kaugummi ab und schiebt
es vorsichtig zwischen die Lippen. Ein merkwürdiger Geschmack.
Schmeckt eigentlich nach nichts, was sie kennt. Ein bisschen scharf
vielleicht. Zuerst. Und dann süß. Hhm. Ganz lecker. Naja. Okeeeeee.
Aber das Kauen macht Spaß. Mara kann gar nicht damit aufhören.
Schmatzend drückt sie die Kiefer zusammen und knetet das Kaugummi
mit Zunge und Zähnen in ihrem Mund. Dann versucht sie es mit der
Blase. Es gelingt nicht sofort.
„Hat bei mir auch nicht gleich geklappt“, sagt Mariele. „Musste halt
üben.“ Beim fünften Versuch klappt es. Eine schöne Blase wölbt sich
vor Maras Mund. Mara ist stolz und will die Blase gar nicht wieder
platzen lassen. Vorsichtig läuft sie ein paar Schritte. Da macht es
PENG und auch ihre Blase ist geplatzt. Vor ihr steht Mats, und Mara
sieht gerade noch, wie er einen kaugummiverschmierten Finger hinter
seinem Rücken versteckt.
„Du hast meine Blase kaputt gemacht.“
„Haha!“ Mara will sich auf Mats stürzen, aber Mats ist schneller.
Die beiden jagen durch's Gras, bis Mats sich fallen lässt.
„Puh“, hechelt er. Mara fällt neben ihm ins Gras. PENG!
Mariele lässt wieder eine Blase platzen und legt sich neben die
Wichte.
„Was macht Ihr denn hier?“
„Wir?“ fragt Mara.
„Ja, Ihr. Solche wie Euch habe ich noch nie gesehen.“
„Wir sind Wurzelwichte und kommen aus dem Wald. Unser Wohnbaum ist
umgefallen und durch ein Versehen sind wir auf einem Lastwagen in
die Stadt gekommen.“
„Jetzt suchen wir den Weg nach Hause.“
Mariele nickt ernsthaft. Das kann sie gut verstehen. Unterwegs sein,
ist schön, aber dann muss man wieder nach Hause kommen.
„Was habt Ihr auf das Blatt geschrieben?“ Mats zeigt ihr das
Blatt.
„D?“
„Ja, das ist der Buchstabe, den uns der Schnurbaum geschenkt
hat.“
Jetzt ist es Mariele, die aus dem Staunen nicht herauskommt.
„Der Schnurbaum?“
„Ja, der hier.“
„Und der kann Euch was schenken?“
„Klar. Die Bäume schenken uns Buchstaben und daraus ergibt sich dann
das Zauberwort, das wir brauchen, um in den Wald zurückzukommen“,
Mats und Mara nicken.
„Aber das ist doch nur ein Baum...“
„Das“, sagt Mara wichtig, „ist nicht 'nur' ein Baum, sondern DAS ist
ein BAUM! Bäume sind wichtig.“
„Und schön“, ergänzt Mats leise.
„Hmm.“ Mariele zieht eine Schnute.
„Wir Wurzelwichte sprechen mit den Bäumen.“
„Bäume können sprechen?“
„Ja, klar, können sie das. Kannst Du doch auch!“ Mariele weiß nicht
recht. Dann meint sie:
„Kann ich auch mit dem Baum reden?“
Mats und Mara sehen einander unschlüssig an.
„Naja“, meint Mara, „Du könntest es versuchen. Aber Du brauchst
Geduld. Hier, leg Deine Hände an den Stamm. Spürst Du seine Rinde?
Spürst Du die kleinen Unebenheiten, den Riss dort, das Moos da
drüben?“
Mariele nickt.
„Muss ich nicht mein Ohr dranhalten?“
„Nicht unbedingt. Baumsprache muss man eher spüren. Das sind nicht
richtige Töne. Also nicht so, wie wenn wir miteinander reden.“
Mariele zieht die Stirn kraus. Da spürt sie eine Bewegung im Baum.
„Oh! Da. Ich spür was!“ Überrascht zieht sie ihre Hände
zurück.
„Du musst dranbleiben. Bäume sind langsam. Viel langsamer als wir
und noch langsamer als Du. Aber wenn Du dranbleibst, dann kannst Du
sie spüren.“
Mariele lässt ihre Wange gegen den Baum sinken. Fühlt sich rauh an.
Irgendetwas kitzelt sie im Ohr. Eine kleine Mücke hat sich dort
niedergelassen. Aber, merkwürdig. Mariele hat gar nicht das Gefühl,
die Mücke vertreiben zu müssen. Sie lässt ihre Hände und ihr Gesicht
dort, wo sie sind. Die Bewegungen der Mücke kitzeln, aber dann lässt
das Kitzeln auf einmal nach. Die Mücke stört sie nicht mehr.
Irgendwann fliegt sie davon. Mariele hat sie kaum bemerkt.
„Schön, dass Du hier bist.“ Mariele vernimmt plötzlich eine Stimme,
aber sie sieht niemanden, der spricht.
„Dranbleiben“, flüstert Mara.
Mariele legt ihr Ohr wieder an den Stamm.
„Danke.“ spricht es.
„Danke“, flüstert auch Mariele. Sowas Verrücktes! Sie spricht mit
einem Baum.
„Das ist nicht verrückt“, sagt der Baum. Mariele lacht. Nee.
Natürlich nicht. Wenn sie darüber nachdenkt, dann ist das ganz und
gar nicht verrückt, sondern einfach schön und lustig und gemütlich.
So könnte sie jetzt sitzen bleiben.
„Mariele!“
„Das ist meine Mutter“, sagt Mariele. „Ich muss jetzt gehen.
Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder.“
Sie springt auf, legt schnell noch einmal eine Hand an den Baum und
läuft davon.
Die nächste Station befindet sich stadteinwärts die Wallgutstraße hinauf. Dort ist auf der linken Straßenseite eine Winterlinde gepflanzt, da ist STATION 7.